Der Igel-Mord – eine provinzielle Kriminalgeschichte

Da Belanglosigkeit unabdingbarer Teil der Provinz ist, folge ich heute auch ihren Ruf. Wer gar nicht erst bereit ist, sich ihr zu öffnen, mag sich die Lektüre sparen.

Es ist ein Mord geschehen. Ein Mord, weil ein Unfall nicht möglich scheint. Es ist der Mord an einem Igel. Überfahren lag das nun etwas geplättete Tier auf der Straße, wie sicherlich schon tausende Igel vor ihm. Allerdings lag dieser mitten auf der Straße in einer kleinbürgerlichen Einfamilienhaus-Siedlung – Spielstraße mit Schritttempo versteht sich. In einer Kurve noch dazu.

Also wie konnte es bei Schritttempo durch einen Unfall dazu kommen? Die Szenerie lässt sich am Tatort genau ausmalen: Eben noch krabbelt das Igel-Tier durch einen kleinbürgerlichen Vorgarten, um den Anwohnenden etwas Fallobst zu stibitzen und im nächsten Moment plättet das Zig-Zig-Reifenprofil eines „Mittelklassewagen“ seinen Körper. Die fahrende Person womöglich gerade erst aus einem der immergleichen Holz-Carports gefahren und in Gedanken beim Anschnallen oder Einstellen des regionalen Hit-Senders im Radio. Wenn nicht Mord, was sonst?

Was bleibt ist ein Kadaver – ja, dieser liegt aller kleinbürgerlichen „Ordnung und Sauberkeit“ der unmittelbar anliegenden Grundstücke zum Trotz nun schon seit drei Tagen dort. Am ersten Tag dominierte noch der Anblick von Blut. Am zweiten Tag kamen die Fliegen und offenbar versuchten sich Katzen oder Vögel am Aas, denn der Igel-Leib hatte sich um eins-zwei Meter „bewegt“. Am dritten Tag ist der Kadaver durchsetzt von Maden und allerlei Gewürm, zudem sind Verwesungsdämpfe in weitem Umkreis zu vernehmen. Spätestens heute kam mir deshalb schon die Vermutung, dass es sich um ein makaberes Schulexperiment handelt. „Verwesungsprozesse im ökologischen Kreislauf am Beispiel kleiner Säugetiere“ oder sowas.

Aber dann wurde es mir klar: politischer Mord!

Der Igel als animalisch revolutionäres Subjekt. Er stibitzt Fallobst aus den Gärten des Bürgertums – nimmt die radikale Umwerfung der ökonomischen Verhältnisse in die eigene triebgeleitete Pfote. Ausrottung kann für die angegriffene Bourgeoisie die einzige Lösung sein, lässt sich das Naturwesen Igel letztlich doch mit keiner kulturindustriellen Waffe unterwerfen.

Die Indizien machen klar:

Unser Genosse der Igel wurde Ziel eines politischen Mords! Die bürgerliche Gesellschaft angreifen – Menschen zu Igeln!

 

Zur illustration spare ich mir unappetitliche Kadaver-Ansichten und verbreite lieber das ebenso belanglose wie verwackelte Foto eines abendlichen Plattenbaus:
P20-08-13_21.39

Advertisements

2 Kommentare zu “Der Igel-Mord – eine provinzielle Kriminalgeschichte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s